Review: Parasitäre Ästhetik – Penthaus à la Parasit als Beispielparasitärer Kunst?

Review: Parasitäre Ästhetik – Penthaus à la Parasit als Beispielparasitärer Kunst?

Akademische Debatte in einem Münchener Parkhaus

Die Diskussion wurde aufgezeichnet und ist unter folgender Adresse abrufbar: https://www.youtube.com/watch?v=1Sx4TYnhOYM

Am frühen Abend des 26. Juni 2020 treffen sich etwa 30 Menschen auf der sechsten Etage eines Parkhauses in der Hochbrückenstraße im Zentrum Münchens. Inmitten des beinahe leeren Parkdecks stehen in weitem Rund schlichte schwarze Klappstühle. Einige der Sitzplätze sind gegenüber den restlichen aufgebaut. Sie bilden das Podium, auf dem diskutiert werden soll.
Eingeladen hat das Penthaus à la Parasit – namentlich der Künstler Jakob Wirth – um über folgende Frage zu debattieren:

Was ist das Besondere an einer parasitären Kunstpraxis – fordert sie lediglich politische Wirksamkeit ein oder kann sie auch im ästhetischen Diskurs neue Dynamiken sichtbar machen?

Neben dem Künstler und dem Moderator Robert Jende haben drei Professorinnen Platz genommen, die sich in ihrem Schaffen den Theorien von Kunst und Ästhetik widmen. Nach der Begrüßung und einer kurzen thematischen Einleitung durch Jende, stellen sich die Diskussionsteilnehmer*innen vor. Sie beschreiben ihre Perspektive hinsichtlich der zur Disposition gestellten Begrifflichkeit einer „Parasitären Ästhetik“ und zeigen die jeweiligen Zusammenhänge zur Thematik, die sich aus ihrem persönlichen und akademischen Engagement ergeben. Bereits hier wird deutlich: die Bandbreite der eingebrachten Positionen ist in der Lage, den Rahmen des auf etwa zweieinhalb Stunden veranschlagten Veranstaltungsformates zu sprengen.

Die folgende – teils kontrovers geführte – Debatte dreht sich um einen Kunstbegriff, der Konflikte erzeugt, sich im Kampf um Hegemonien beteiligt und die Alltagswelten eines nicht näher definierten Publikums zu korrumpieren vermag. Themen sind dabei immer wieder die Grenzen, die das parasitäre Kunstprojekt offenlegt: ob zwischen Legalität/Illegalität, Kunst/Aktivismus, Ordnung/Unordnung oder Realität/Fiktion. Der „Parasit“ besetzt zuvor (meist) unsichtbare Grenzen und zeigt durch seine Präsenz deren Verlauf bzw. Existenz.

Was ist eine „parasitäre Ästhetik“?

Parasitäre Ästhetik und Kunst werden von Jakob Wirth anhand von vier Kriterien parasitärer Kunst beschreibend zusammengeführt:

  1. Parasitäre Kunst ist notwendig, um eine „parallele Praxis“ auszuüben (da Kunst eine eigene Sprache verwendet – stets unabhängig von sozialen Wirklichkeiten – entspricht sie nie der Ästhetik des jeweiligen Erscheinungsortes und muss doch mit diesem in Verbindung stehen, um sichtbar zu werden)
  2. Produktion von Irritation und Stimulation am Erscheinungsort (parasitäre Kunst muss
    sichtbar sein, um Irritationsmomente zu erzeugen, aber auch wieder verschwinden, sobald solche Momente virulent werden – Ziel ist der Diskurs durch Dissens, dies macht die politische Ebene des Begriffs aus)
  3. Aufsuchende Öffentlichkeit wird erwartet, jedoch nicht die aktiv-suchende Öffentlichkeit, sondern Begegnungen „en passant“ (die Irritation der Betrachtenden soll nicht forciert werden, sowndern zur Disposition gestellt und der Achtsamkeit des „flanierenden Menschen“ überlassen werden, denn Irritationen bzw. Grenzerfahrungen bilden keine vordefinierten Allgemeinplätze, sondern werden individuell erlebt)
  4. Die Parasitäre Ästhetik ist eine Ästhetik der Grenze (aus einer Linie soll ein Spielraum werden, sichtbar, bewohnbar und diskutabel – eine soziale Wirklichkeit, die aufgrund ihrer Unsichtbarkeit vorher meist übergangen wurde und doch ebenso real wie unterscheidbar ist)

Der Parasit ist dabei nicht „Schmarotzer“, sondern vielmehr eine Sozialfigur des Soziologen Michel Serres. Er ist als solche stets systemimmanent und essentiell für Weiterentwicklung des jeweiligen Systems, durch die Irritationen, die er in diesem erzeugt. Grenzen innerhalb dieses Systems können so erst wahrgenommen und bearbeitet werden. Fortschritt bzw. Weiterentwicklungen werden möglich.

Wer ist wessen Parasit?

Um diese Frage dreht sich nach den Ausführungen Wirths zur parasitären Ästhetik die Diskussion immer wieder. Denn „parasitär“ können viele Beziehungen sein: lebt nicht auch das Parkhaus von den Besuchenden? Und sind diese nicht wiederum „Parasiten“ der Stadt bzw. deren Infrastruktur? Und die Stadt selbst: ist sie nicht in parasitärer Weise abhängig von ihren Bewohner*innen, die wiederum abhängig von ihr sind? Eine eindeutige Antwort bleibt aus – muss auch ausbleiben, denn die Beschränkung des Begriffes ist der Komplexität dieser Sozialfigur nicht angemessen.

Am Ende der Debatte ist klar, dass eine „parasitäre Ästhetik“ zwar noch ganz am Anfang steht, dabei allerdings schon heute zahlreiche Anknüpfungspunkte in die Theorien zur Kunst bietet. Dies beweisen nicht zuletzt die mannigfaltigen Diskussionen, die nach Veranstaltungsende noch über einige Stunden im Parkhaus geführt wurden. Denn: alle Veranstaltungsteilnehmer*innen blieben an diesem Abend noch lange als Gäste des Parasiten über den Dächern Münchens, um sich über die heutigen Grenzerfahrungen auszutauschen. Im Gegensatz zu den vielfältigen neuen Erkenntnissen in den Köpfen, bleiben im Parkhaus selbst nicht einmal die schwarzen Klappstühle als Zeugen dieser Begegnung. Und auch der Parasit wandert weiter.

Teilnehmende

Prof. Nina Tessa Zahner
– Kunstakademie Düsseldorf

Prof. Judith Siegmund
– HMDK Stuttgart

Prof. Marina Martinez Mateo
– Kunstakademie München

Jakob Wirth
– Penthaus à la Parasit

Robert Jende
– Hochschule München, Moderator

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