Penthaus à la Parasit in Kritik: Auf der Suche nach den partizipativen Auswüchsen des Parasiten

Penthaus à la Parasit in Kritik: Auf der Suche nach den partizipativen Auswüchsen des Parasiten

Der Einladung, Penthaus à la Parasit als stadtpolitische Intervention zu reflektieren und zu fragen, was daraus für weitere politische Kämpfe in der Stadt gelernt werden kann, sind wir als Kollektiv Raumstation gerne nachgekommen. Denn als Teil der Recht auf Stadt Szene führen wir einen gemeinsamen politischen Kampf und sehen es als zentral an, mit kontinuierlicher gegenseitiger Kritik unsere Arbeit konstruktiv zu hinterfragen.

Im Kollektiv Raumstation stellen wir uns fortwährend die Frage: Wie erhalten in alltäg- lichen stadtpolitischen Kämpfen diejenigen eine Stimme, die gehört werden müssen, weil sie kontinuierlich und gewaltvoll übergangen werden? Wir nutzen sie als Ausgangspunkt, um auf stadtpolitische Prozesse einzuwirken. Auch das Penthaus à la Parasit wollen wir aus raumstationärer Perspektive auf Parameter der Zugänglichkeit, Partizipation und Ermöglichung von Agency (Handlungsfähigkeit) für Dritte prüfen.

Von unserem Wissen, unseren Erfahrungen und Prägungen ausgehend wollen wir die für uns essentiellen Fragestellungen stadtpolitischer Aktivität in den Blick nehmen. Für uns sind das die Fragen nach der Position der Handelnden, ihrer Rolle und ihrem Auftreten: Wer handelt und wie? Beziehungsweise in der Selbstreflektion: Wer sind wir und wie handeln wir?

Wir haben bewusst eine kritische Haltung eingenommen, um eine Diskussion zu provozieren.

Vielleicht ist dies für die Fortführung des Penthaus à la Parasit hilfreich. Möglicherweise in Form parasitärer Auswüchse abseits des Archivs der Moderne? Dieser Text ist auf Grundlage von dem, wie wir das Penthaus à la Parasit in Berlin erlebt haben und wie es von den Medien reflektiert wurde, entstanden. Daher richten wir Teile der Reflexion explizit an den in der Öffentlichkeit auftretenden Künstler, Freund und Kollegen.

Wer handelt?

Reflektion der eigenen Rolle

Als Raumstation Berlin wird es immer wichtiger für uns, unsere eigene Rolle, unsere Privilegien und unsere Homogenität – vor allem in Bezug auf cisgender, middle-class, weiß-sein – zu reflektieren, von denen unser Kollektiv bisher immer geprägt war und die es uns nur schwer gelingt zu durchbrechen. Recht auf Stadt Forderungen können wir nicht mehr isoliert betrachten: Sie vermischen sich mit intersektionalen Fragen von Rassismen, Diskriminierungen und Ungleichheiten. Diesbezüglich sind wir gerade noch in den Kinderschuhen: Wir haben eine intersektionale Einordnung unserer Biographien und Privilegien durchgeführt, als Kollektiv Raumstation Berlin, Weimar und Wien und auch als Teilnehmer*innen des digitalen Recht auf Stadt Forums, das wir dieses Jahr mit ausgetragen haben. Bei letzterem war es uns ein Anliegen, das Recht auf Stadt intersektional zu betrachten und die Debatten um anti-rassistische, queerfeminis- tische und klimagerechte Perspektiven zu erweitern. Wir sehen es als notwendig an, darüber nachzudenken, wem wir durch das Schaffen und Einnehmen von Artikulationsräumen Raum geben – und wem nicht. Daran anschließend stellt sich die Frage, wie wir in unsere Arbeit Menschen mit weniger Ressourcen zur Artikulation ihrer Anliegen einbinden können (den Anspruch haben wir schon lange) bzw. empowern können, sich selbst dazu Räume zu nehmen (da sind wir noch längst nicht).

Daraus ergeben sich Fragen an die Künstler*innen des Penthaus à la Parasit als Artikulationsraum-Nehmende und -Schaffende: Wie reflektieren sie ihre Privilegien und ihre Rolle als Künstler*innen? Was ermöglicht es ihnen, ein Werk wie das Penthaus à la Parasit zu erschaffen und damit eine solche Aufmerksamkeit und Reichweite zu erzielen? Von den Medien wurde die Arbeit häufig als Story eines Einzelkünstlers inszeniert. Das kreiert ein anderes Bild als jenes einer Künstler*innengruppe oder noch entperso- nalisierter: anonymer Aktivist*innen, deren Identität durch ein Pseudonym unbekannt bleibt. Eine Biographie der Künstler*innen und Aktivist*innen steht dabei sehr stark im Vordergrund des Wer- kes und Inhalts. Wie finden die Künstler*innen das? Warum haben sie das gemacht oder zu- gelassen? Was hat das mit ihnen gemacht? Was macht es mit der Repräsentation und den Inhalten ihres Projektes? Lenkt es von der Thematik, den Betroffenen, den Kämpfen ab?

Wie handeln wir?

Reflektion und Einordnung des eigenen Handelns in den Kontext der Bewegung

Die Recht auf Stadt Szene ist vielfältig in ihren Strategien und Praktiken. Sie reichen von medienwirksamen Kampagnen, Demonstrationen und Besetzungen, die auf stadtpolitische Themen und Diskurse aufmerksam machen, über krea- tiven, humoristischen Protest durch politische (Kunst-)Aktionen, die provozieren und einen Blickwechsel generieren bis hin zu gegenseitiger Unterstützung und solidarischem Austausch in Nachbarschaften und anderen Zusammenhängen. Letzteres erfolgt zum Beispiel bei Mieter*inneninitiativen und transformativem Community Organizing, dem die Annahme zugrunde liegt, dass emanzipatorische, gesellschaftliche Veränderung nur durch die Organisierung von den Menschen geschehen kann, die von bestimmten Ungleichheiten unmittelbar betroffen sind.

Jede politische Strategie verfolgt ihren eigenen Zweck und fügt sich damit in die gemeinschaft- liche Protestlandschaft ein. Die Bewegung kann so trotz oder gerade durch unterschiedliche Praktiken gemeinsam an einem Strang ziehen. Mit der Raumstation stellen wir uns selbst immer wieder der Reflektion und Hinterfragung der eigenen Praktiken und Position innerhalb der Protestlandschaft und wollen dies auch hier tun.

Als Raumstation agieren wir partizipativ. Im Vordergrund steht der prozessorientierte Austausch mit Bewohner*innen – als Alltagsexpert*innen, als Adressat*innen und Ausgangspunkt von Veränderungen, als Macher*innen. Aus dem lokalen Kontext heraus wird gemeinsam eine Plattform für ihre Anliegen geschaffen. Hierbei bedienen wir uns gemeinschaftlich-künstlerischer Methoden. Auch wenn Anspruch und Wirklichkeit bei uns sehr häufig nicht übereinstimmen, sind wir dennoch Verfechter*innen ganzheitlich partizipativer Herangehensweisen und wollen Agency ermöglichen.

Von diesen Überlegungen ausgehend fragen wir uns und die Künstler*innen: Was kann eine provokative Kunstaktion wie das Penthaus à la Parasit und wie ist sie in die geteilten Bemühungen der Recht auf Stadt Bewegung einzuordnen? Sie kann Blickwechsel generieren, radikal infrage stellen und Aufmerksamkeit generieren – im Fall vom Penthaus à la Parasit auch bis in breitere gesellschaftliche Kreise durch Zeitung, Radio und Fernsehen. Und darüber hinaus?

Penthaus à la Parasit sehen wir als ein fertiges, nicht-partizipativ entstandenes Kunstwerk ohne weitere Beteiligungsmöglichkeiten. Wir sehen und erkennen an, dass die Künstler*innen mit dem Penthaus à la Parasit eine Bühne geschaffen haben. Sie haben Veranstaltungen auf Dächern organisiert, haben es Menschen mit Hilfe des “Demowohnens” ermöglicht, die Erfahrung zu machen, im prekären Penthaus à la Parasit mit Recht auf Weitblick zu übernachten. Das Pent- haus à la Parasit wirkt für uns als hätte es den Anspruch, aktivistisch und für alle zu sein. Es bleibt aber eher abstrakt und exklusiv: durch die gewählte Sprache und beschränkten Zugang zu Dächern.

Für ein wirklich partizipatives Projekt vermissen wir die lokale Verankerung und Vernetzung, ohne die es keine Zugänge der lokalen Com- munities zu diesem Ansatz geben kann. Penthaus à la Parasit wechselt alle paar Monate seinen Ort – um auf scheinbar willkürlich ausgesuchten Dächern deutschlandweit anzudocken. Werden dabei nicht – bewusst? – weitgehend die lokalen Kontexte verkannt und eine wirkliche Annähe- rung an spezifische Problemlagen der einzelnen Städte, Nachbarschaften, Häuser und Menschen unmöglich gemacht?

All die unterschiedlichen politischen Protest- formen haben ihre Legitimität. Für uns werden sie jedoch erst wirklich wirksam, wenn dabei ein ganzheitlicher partizipativer Anspruch verfolgt wird, anderen zu ihrer eigenen Agency verhol- fen oder an andere Kämpfe angeknüpft wird.

Das Schaffen einer Bühne mit dem Penthaus à la Parasit ruft daher die Fragen hervor: Wer spricht? Wem wird die Bühne gegeben, um zu sprechen? Wen schließt es aus? Welche Verantwortung haben die Künstler*innen aufgrund ihrer Privilegien, die sie in die Position gebracht hat, eine solche Bühne mit der damit verbundenen Aufmerksamkeit schaffen zu können? Wie nachhaltig, politisch und partizipativ haben sie diese genutzt und andere für ihre Agency nutzen lassen? Wo sind die Anknüpfungspunkte an geführte Kämpfe der Bewegung?

Wir finden, Penthaus à la Parasit sollte weiter wachsen – abseits des Archivs der Moderne! Hierzu möchten wir noch drei lose Gedanken mit auf den Weg geben:

Was kritisieren die Künstler*innen mit dem Recht auf Weitblick?

Es wird die Unzugänglichkeit der Dächer kritisiert und ein Recht auf Weitblick für alle eingefordert. Zugleich wird jedoch diese vermeintlich öffentliche Fläche für alle mit einem Penthaus repräsentiert – dem Inbegriff von selbstzentrierter, ausschließender Privatheit. Wir fragen uns: Wie kann damit ein gemeinschaftlicher Protest transportiert werden? Und ist das Einfordern eines Rechts auf Weitblick nicht ein ziemliches Privileg? Wir verstehen die Intention dahinter: Ein solches symbolisch einzufordern, mag für uns als Mittelschicht im ersten Moment reizvoll sein. Aber wie können sich die Künstler*innen sicher sein, wie andere ihre Ironie verstehen? Was ist mit realer Prekarität, wie sie millionenfach von Menschen auf der Welt erlebt wird? Würden bzw. könnten sie ein Recht auf Weitblick einfordern? Mit der Forderung nach dem Recht auf Weitblick lässt sich allzu leicht vergessen, dass es um nichts weniger geht als das grundlegende Einfordern des Rechts auf Wohnen und ein Leben in Menschenwürde.

Warum wächst Penthaus à la Parasit nicht zusammen mit Betroffenen weiter?

Warum ist das Penthaus à la Parasit nicht veränderbar? Wäre es nicht cool, sich Feedback außerhalb der Szene und eben von Betroffenen selbst einzuholen – von ihren Erfahrungen zu lernen und ggf. auch mit ihnen zusammenzu- arbeiten? So könnten weitere parasitäre, unkon- trollierbare Auswüchse des Parasiten entstehen! Wir haben das Gefühl, bisher geht Penthaus à la Parasit eher über die Betroffenen der Thematik hinweg. Es ist wenig partizipativ und auch räum- lich bleibt es oben drüber hinweg, privat und exklusiv – ein Penthaus eben.

Wo sind die parasitären Auswüchse?

Das Projekt bedient sich dem Bild des Parasiten. Impliziert das nicht quantitative Auswüchse und nicht nur ein von Dach zu Dach Wandern des Penthaus à la Parasit? Warum vermehrt sich das Penthaus à la Parasit nicht, sondern bleibt ein Einzelfall? Warum führt es nicht zum quantita- tiven Besetzen von Dächern – an vielen verschiedenen Orten gleichzeitig? Die Hoheit über das Projekt behalten die Künstler*innen selbst. Warum vergeben sie beispielsweise keine Creative-Common-Lizenz und stellen eine Anleitung zum Nachahmen zur Verfügung? Das direkte Anregen einer invasiven Reproduktion der parasitären Besetzung durch andere sehen wir als Teil der Agency der Künstler*innen. Wir finden: Das kritische Potential liegt in vielfältigen parasitären Auswüchsen wenn‘s ums (Dächer)-Besetzen geht!

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