Märchen vom kleinen verspiegelten Haus auf dem Dach

Märchen vom kleinen verspiegelten Haus auf dem Dach

Vor nicht als zu langer Zeit betrat ein kleines verspiegelteHaus die Dächer der Stadt. Es schautehier, es verweilte dort, es wollte wieder fort. Schön ist es auf den Dächern, wo der Blick erst am Horizont endet, dachte sich das kleine verspiegelte Haus. Ganz oben auf den Bauten der Stadt, da ist noch Platz.

Unten hingegen, ist das Leben schwer geworden. Immer mehr Menschen drängen in die Stadt. Unter den Wohnungen der Stadt schickt es sich jetzt, nur noch die Bewohner mit den tollsten Schuhen und Hemden zu nehmen. Ja ganz wählerisch sind sie geworden. Früher, da war das anderes. Früher, da gab es für jede Wohnung die richtigen Bewohnerinnen. Und falls man doch niemanden fand, dann genoss man die Zeit halt alleine. Doch das war einmal. Jetzt wollen alle Wohnungen nur noch die tollsten Bewohnerinnen haben. Und die tollsten heißt eigentlich nur eins: Die mit dem meisten Geld.

Das wollte das kleine verspiegelte Haus nicht mitmachen. Denn es mochte gerade die Menschen,die auch mal etwas Zeit in dem kleinenverspiegelten Haus verbringen am liebsten.Doch bei der Suche nach einem geeignetenPlätzchen in der Stadt fingen die Schwierigkeitenan. Überall in der Stadt wurde das kleineverspiegelte Haus nur belächelt, als es nacheinem freien Stück Boden fragte. Meist standenschon eine ganze Gruppe Wohnungen Schlangeund schrieen laut, was für tolle Bewohnerinnensie haben werden. Manchmal hatten sie damitErfolg, aber oft war dem Bodeneigentümerdas noch nicht mal genug: “Mehr Wohnungenmüsst ihr sein und noch tollere Bewohnerinnenmüsst hier haben. Nur dann; nur dann geb ich mein Boden her!” Das kleine verspiegelte Hauswurde nur müde belächelt oder gleich der Stadtverwiesen: “Raus an den Rand der Stadt sollstdu gehen, da gibt es genug Platz für dich unddeiner gleichen!”.Das wollte sich das kleine verspiegelte Hausnicht gefallen lassen. Also dacht es nach. Wennes in der Stadt kein Boden mehr gibt und auchder Rand der Stadt keine Lösung war, dannkonnte es nur eine Lösung geben: Die Fluchtnach oben! Denn oben auf den Dächern, sosagte man in der Stadt, da gibt es noch Freiheitund auch viel Platz: Gedacht, gesagt, getan!

Da war es nun, das kleine verspiegelte Haus. Auf dem Dach eines großen Hauses. Es war sogroß, dass es das kleine verspiegelte Haus garnicht zu bemerken schien. Nur von nebenan,da gab es einige Wohnungen, die konnten daskleine verspiegelte Haus sehen. Anfangs schautensie nur neugierig, aber mit jedem Tag, dassdas kleine verspiegelte Haus auf dem Dach verbrachte,schien die Neugierde in den anderenWohnungen zu wachsen.An einem sonnigen Tag war es dann soweit: Einekleine Wohnung, die sich im Haus gegenüberdirekt unter dem Dach befand, sprach das kleineHaus an: “Was machst du da oben?” Das kleineHaus war ganz erfreut, denn es fühlte sich fastschon einsam, und antwortete sofort: “Ich genießeden schönen Blick: Bis zum Horizont kannman hier schauen”. Die kleine Wohnung fragtdaraufhin: “Ist das nicht den Wohnungen mitden tollsten Bewohnerinnen vorbehalten?” Daskleine Haus war etwas irritiert und antwortet:“Aber hier ist doch noch so viel Platz. Da habeich mir einfach ein Dach ausgesucht.”

Es schaute sich um. In der Ferne sah es noch einpaar andere Häuser auf dem Dach. Sie warendem kleinen Haus erst gar nicht aufgefallen. Denn sie wirken – auch wenn ihre Glaswändefein geputzt sind und ihre Terrassen reichlichbestückt waren – etwas leblos. Nur selten konnteman einen Bewohner erspähen.“Vielleicht haben sie dich einfach nicht gesehen” sagte die kleine Wohnung unterm Dach aufeinmal. “Ich musste auch mehrmals hinschauen.Auf den ersten Blick habe ich nur den Himmelgesehen und manchmal eine Wolke in dir gesehen. Erst als ich gestern von der Abendsonnegeblendet wurde, bin ich auf dich aufmerksamgeworden.” Das kleine verspiegelte Haus entgegneteetwas verlegen: “Entschuldige mich! Das war nicht meine Absicht.”“Ach weißt du” antwortet die kleine Wohnungunter dem Dach. Etwas mehr Licht macht meine Bewohnerinnen ganz froh. Also mach dir keineSorgen!

Aber eine Frage hätte ich noch! Wie bist dudenn auf das Dach gekommen?”. Das kleine verspiegelte Haus überlegte kurz und antwortete:“Weißt du: Ich passe durch jede Dachluke! Ich bau mich auf, ich bau mich ab, so wie es mirhalt passt. Hier oben gibt es so viel Platz, da will ich doch nicht auf einem einzigen Dach für immerbleiben. Wer weiß: Vielleicht will ich morgen schon wieder woanders sein.”

Am nächsten Tag – nach längerem überlegen -sagt die kleine Wohnung von gegenüber: “Ichhab nachgedacht! Jetzt weiß ich es. Du bist wie eine Zecke, ein Mistelzweig und Floh zugleich”. Das kleine Haus war etwas irritiert: “Wie kommstdu darauf?” Naja, du bist wie ein Palast auf dem Dach, aber du benimmst dich wie ein liebevoller Schmarotzer. Ich glaube ich habe einen Namenfür dich: Penthaus à la Parasit”.

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