Grenzgänger zwischen Kunst und Politik – das penthaus à la parasit

Grenzgänger zwischen Kunst und Politik – das penthaus à la parasit

Hoch oben, über den Dächern Berlins thront das kleine verspiegelte Penthaus á la Parasit. Auf Immobilien Scout werden seine sechs Quadratmeterfür 34.000 Euro, mit atemberaubender Sicht, funktionaler Wohnraumnutzung und maximaler Freiheit beworben. Berlins Wohnraum ist knapp, die Nachfrage auch für dieses Objekt groß. Das kleine Haus versucht sich der Verdrängungslogik des Immobilienmarktes zu widersetzen. Statt in die Peripherie der Stadt vertrieben zuwerden, setzt es sich frech auf fremde Dächerund will sich somit das Recht auf Stadt zurückerobern. Jeder kann sich auf eine Nacht im Penthaus bewerben oder an den veranstalteten Diskussionen, Konzerten und Kiezspaziergängen teilnehmen. Hinter dem Projekt stehen die Künstler Jakob Wirth und Alexander Zakharov. Sie wollen zu einem offenen Austausch über die Gentrifizierung einladen und erproben, wo ungenutzte Fläche zu Wohnraum werden kann. Das Penthaus á la Parasit reiht sich damit in die Bewegung der sozial engagierten Kunst ein, die sich derzeit großer Popularität erfreut. Eine Kunstform, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, politisch motiviert handelt und meist projektbasiert und kollektiv organisiert ist. Die künstlerische Aufarbeitung politischer Themengehört längst zum Kanon, wenn nicht zurgefühlten Pflicht der zeitgenössischen Kunst. Die Kunst mahnt, sie warnt und stellt fordernd gesellschaftlicheStrukturen in Frage.

Natürlich ist das provokant. Nach Jahrhundertendes Kampfes für die Autonomie der Kunst undihre Qualität der Ambiguität, für die Freiheit Fragen zu stellen, statt Antworten zu geben, gibtes nun den hartnäckigen Willen, sich von dem Regime des Schönen und Sublimen zu lösen. Kunst, so wird behauptet, ist eine Form der politischen Praxis. Sie zeigt soziales Engagement, politischen Aktivismus und fordert Mitspracherecht in der politischen Realität unserer Gesellschaften und Ökonomien. Dabei ist der Wille, Kunst und Gesellschaft zuvereinen, nicht neu. Er hat Vorläufer in den 1960er und 70er Jahren, wie die Situationisten, Fluxus und vor allem Joseph Beuys, der in denfrühen 70ern den Begriff der sozialen Plastikprägte.

Doch während Joseph Beuys sich als Künstlerfigur mystifizieren und glorifizieren ließ, engagierensich zeitgenössische KünstlerInnen häufig in Kollektiven. Ihr Ziel ist es nicht, ein neues Gesellschaftsbild zu lehren und zu diskutieren. Vielmehr wollen sie direkt in die soziale Welt eingreifen und neue Wege bestreiten, um sozialen Wandel voranzutreiben. Damit prägt diese künstlerische Bewegung nicht nur ein neues Konzept von Autorschaft, sondern läutet auch einen Paradigmenwechsel von der rezeptionsorientierten zu einer handlungsorientierten Kunst ein. Denn nicht die Kontemplation vor dem Kunstwerk soll zur Reflexion und schließlich zur Transformation der Gesellschaft führen. Es sind Interventionen, wie das Penthaus á la Parasit, die von der Partizipation leben und soziale Beziehungen neuformen, die einen direkten Einfluss auf die politische Realität nehmen sollen. Die soziale Ambition ist hier so vordergründig, dass die Grenze zwischen Kunst und Politik gänzlich zu verschwimmen scheint. Wie kann also noch zwischen einem politischen Protest und einer Kunstaktion unterschieden werden?

Mit dem parasitären Penthaus möchten sich Wirth und Zakharov der Wohnraumverdrängung symbolisch und real widersetzen. Natürlich bietet es keine langfristige Lösung für Berlins fortschreitende Gentrifizierung. Aber es markiert sowohl auf symbolische Weise den Brennpunkt des Diskurses, als auch die realen Leerstellen und -Räume, die in Berlins Innenstadt noch ungenutzt sind und möglichen Wohnraum bieten könnten. Die Ästhetik des kleinen Hauses, die Präsentation auf Immobilien Scout und die Vermittlung des Projekts durch Veranstaltungen produzieren dabei einen Sinnüberschuss, der dem Betrachter Interpretationsspielraum lässt. Eine Offenheit, die typisch für die Kunst ist und sie von politischem Protest unterscheidet. Denn während Greenpeace im Juni letzten Jahres durch die unfreiwillige Partizipation des Verkehrs eine Sonne mitgelber Farbe um die Siegessäule malen ließ und damit zum Austritt aus der Kohleenergie aufrufen wollte, handeln Wirth und Zakharov aus einer subjektiven, künstlerischen Intention heraus. Sie haben keine politische Agenda, sondern wollen einen Begegnungsraum schaffen, der einen offenen Austausch ermöglicht. Und das macht das Penthouse zu mehr, als bloßem Protest, der sich in der Besetzung eines Hausdachs zeigt. Denn soweit sie keinen Schaden anrichten, kann gegen Wirth und Zakharov rechtlich kaum vorgegangen werden. Der Artikel 5 GG, Kunstfreiheit, schlägt in diesem Fall den Hausfriedensbruch. Aber nicht nur die Kunst wird politischer. Wie das Greenpeace Beispiel zeigt, ästhetisiert sich auch der politische Protest. Das erschwert die Differenzierung beider Aktivitäten umso mehr. Ob politischer oder künstlerischer Art, beide fallen als spektakulärer, ästhetischer Aktivismus mit sorgfältig kuratierten Bildern und Informationen auf Social Media Plattformen auf. Ihr Erfolg hängt zumindest bis zu einem gewissen Grad von der viralen Verbreitung im Netz ab. Eine Kommunikationsstrategie, die der Aufmerksamkeitsökonomie und Bildzirkulation digitaler Medien angepasst wurde.

Der kleine, kaum sichtbare, aber feine Unterschied beider Aktivitäten bleibt also ein disziplinärer. Was im Namen der Kunst symbolisch produziert wird, wird als solche beobachtet, diskutiert, verstanden und gefördert. Greenpeace hingegen führt gezielte, öffentlichkeitswirksame Kampagnen im Namen ihrer aktivistischen Organisation durch.

Es wirkt paradox, wie diese Form der Kunstzwar als Kunst identifiziert werden möchte, aber gleichzeitig politischen Anspruch erhebt. Die 2019 erschienene Publikation „The Art of Direct Action“ von den Kunsthistoriker*innen Karen van den Berg, Philipp Kleinmichel und Cara M. Jordan, ordnet dieses Phänomen erstmals etwas differenzierter ein. Die Professorin für Kunsttheorie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, Karen van den Berg, sieht in der sozial engagierten Kunst weitaus mehr, als nur eine Herausforderung für den die traditionellen Kunstbetrachter*in, der*die nun fernab von Museen, Messen, Objekt und Autor nachder Kunst Ausschau halten muss. Sie hält den Paradigmenwechsel für grundlegender, weil das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft gänzlichneu verhandelt wird.

Die sozial engagierte Kunst ist ein Kind ihrerZeit. Sie weigert sich nicht nur, Teil des luxuriösen Kunstbetriebs zu sein und sich den Preismechanismendes Kunstmarkts zu beugen. Sie weist auch auf die Notwendigkeit von Austausch und Gemeinschaft hin, hinterfragt die Konzepte von Autorschaft und Individualismus und übt damit Kritik an der Logik des kapitalistischen Systems allgemein. Sie reagiert auf die Neoliberalisierung und eine zunehmende soziale Ungleichheit, die mit sozialer Spaltung einhergeht. Das Penthaus á la Parasit fordert Weitblick für Alle, Aufklärung über das eigene Mieterrecht und einwenig Imaginationskraft und Offenheit, um über den eigenen Schatten zu springen und aufeinander zuzugehen. Ob Makler*in, Start-up Gründer*in, Künstler*in oder Tourist*in – aus verschiedensten Interessen fanden sie sich bei den Besichtigungen auf den Dächern Berlins im Gespräch wieder. Eine unverbindliche Begegnung, die der polarisierenden, in ihren Fronten verhärteten Debatte gut tut. Sie öffnet neue Perspektiven und ermöglicht gesellschaftlichen Dialog.

Doch so wünschenswert und notwendig diese Ambition klingt – wie realistisch ist sie? Kann die Kunst durch Inventionen wie das Penthaus á la Parasit tatsächlich einen gesellschaftspolitischen Beitrag leisten?

Jein. Denn dem System, das hier an den Pranger gestellt wird, entkommen auch die Künstler*innen nicht. Die Handlungsstrategie, selbst aktiv zu werden, um einen Zustand zu verbessern, entspricht dem Muster der neuen Service Industrie, die aus dem digitalen Kapitalismus hervorgegangen ist. DIY – Do It Yourself ist ein romantisierter Voluntarismus, der uns alltäglich begegnet und Unternehmen oder den Staat entlastet. Auf diese Weise wird soziale Arbeit schlicht in das künstlerische Feld ausgelagert. Die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz. Und auch die Kreierung von sozialen Beziehungen und Lebensstilen ist nicht nur Merkmal der Kunst im 21. Jahrhundert. Auch Politik und Ökonomie haben verstanden, dass man die Konsumenten von heute vor allem mit Identität, Dazugehörigkeit und Emotionen an sich binden kann. Kurz, das emanzipatorische Engagement in partizipativen Projekten allein reicht nicht, um das sozioökonomische System unserer Zeit zu transformieren.

Doch man sollte Künstler*innen wie Jakob Wirth und Alexander Zakharov nicht unterschätzen und für naiv erklären. Als studierter Soziologe und Ökonom sind sie sich der Grenzen ihrer Praxis sehr bewusst. Noch bietet die Kunst aber einen Grünstreifen, einen rechtlich abgesicherten, experimentellen Freiraum, der es erlaubt, zumindest im Kleinen etwas zu verändern und Diskurse zu beeinflussen, wenden die Künstler*innen ein. Und das stimmt. Die Kunst bewirkt an dieser Stelle einen Teil der kulturellen Transformation, die die Politik derzeit nicht leisten kann oder will. Sofern solche Projekte also nicht rein symbolischer Natur sind, sondern tatsächlich autonome Formen von Wissensaustausch und Begegnung produzieren, tragen sie zur Demokratisierung unserer Gesellschaft bei. Und so kann die sozialengagierte Kunst tatsächlich vielleicht mehr sein als nur ein weiterer -ismus in der Kunstgeschichte.

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