Grenzen überschreiten / Grenzen besetzen / Grenzen benutzen

Grenzen überschreiten / Grenzen besetzen / Grenzen benutzen

Extase, Ungehorsam und der „Sieg der puren Vernunft“ im späten Kapitalismus

„Die parasitäre Ästhetik ist eine Ästhetik der Grenze.“ Penthaus à la Parasit bespielt die Grenze, so die Selbstdarstellung seiner Initiator*innen. Das Verb ‚bespielen’ lässt viel Raum zur Assoziation; welche Rolle kommt dem Grenzüberschritt im künstlerischen Penthausprojekt zu?

In der Tageszeitung vom 26. Juni 2020 schreibt der Radiomoderator und Journalist Klaus Walter einen Beitrag, der mit der Überschrift „Der Sieg der puren Vernunft und seine Folgen“ übertitelt ist.1 Es geht um linke Extase der Grenzüberschreitung in der Pop-Musik, um das Übertreten von Verboten als Fest und als Selbstversicherung der eigenen Kritikfähigkeit. Anhand einiger Beispiele von emanzipierten fortschrittlichen Popsongs beschwört Walter linke Protestfiguren wie Revolte, Respektlosigkeit, Einsturz festgelegter Identitäten, er spricht mit Foucault vom Fallenlassen der Masken und von der Feier des Ungehorsams. Die Frage, auf die er dabei – in Zeiten von Corona – hinaus will, ist die folgende: Warum gibt es heute diese Kunst linken Ungehorsams nicht mehr? Am Beispiel des Songs „Hoffnung“, den die Hamburger Band Tocotronic in der Zeit des Lockdowns im Internet veröffentlichte, sinniert Walter darüber, warum Rockbands heute „Hoffnung spenden“, so die Besprechung des Songs in der Presse. Diese Hoffnung passe doch gar nicht zu ihrem ehemaligen Leitspruch „Pure Vernunft darf niemals siegen“.2 Walter beendet seine interessanten Überlegungen mit einer Feststellung: „Ja, wir haben damals enthusiastisch gefeiert …, aber haben womöglich übersehen, überhört, wessen Freiheit da gefeiert wird, wenn Mick Jagger singt: I’m free to do what I want? …Was ist geworden aus der transgressiven Libertinage der Rockmänner?“3

In einen solchen linken Zusammenhang, der bereits Geschichte ist, gestellt, scheint mir das Penthaus à la Parasite sehr zeitgenössisch zu sein, wenn seine Initiator*innen nicht mehr über Grenzüberschreitung reden, sondern von einem Bespielen von Grenzen. Klaus Walter spricht noch im Beitrag von der Zweckrationalität, gegen die sich linker Pop richtete, er spricht von der Freiheitsbewegung des „Ich mache, was ich will.“ Heute machen andere als die Linken, ‚was sie wollen’.4 Und was gewollt wird, ist oft genug ein singulärer Konsum, der die eigene Einzigartigkeit vor den anderen in einer Performance herausstellt.5 Für eine Kommentierung des Penthausprojekts schlage ich daher ein anderes Szenario vor als das der linken Rebellion: Das, wogegen protestiert werden kann, das Kritikwürdige, ist heute nicht zweckrational; – sondern die Extase, das Fest, das rauschhafte Selbsterlebnis, das sich andere angeeignet haben. Walter spricht von der linken Einstellung „Fuck you“, die sich heute in der Hochfinanz selbst wiederfindet. Diese Hochfinanz hat mit der „Fuck-you-Haltung von Rock-Rebellion“ den rauschhaften selbstvergessenen Konsum für sich entdeckt und mit ihr taten es große Teile der Mittelschicht. Dies ist die zeitdiagnostische Folie, vor der jetzt künstlerisch gedacht und gehandelt wird.

Es macht daher viel Sinn, das Penthaus nicht als Rebellion oder als extatischen Ungehorsam zu verstehen, auch nicht als Freude an der Illegalität einer grenzüberschreitenden Aktion, wie das auf den ersten Blick vielleicht naheliegend ist. Ich schlage vielmehr vor, es als eine Aneignung von zweckhaften Anliegen und ernsten bzw. vernünftigen Themen zu deuten. Man kann es in etwa so verstehen: Es ist nicht egal, dass es viele arme Menschen gibt, für die zu wenig oder gar kein Wohnraum mehr erreichbar ist; der Wohnungsmarkt ist ganz ernsthaft umzugestalten; es läuft etwas falsch. Die Mittel einer Nischenbesetzung, der Bewegung des Auf- und Abbauens eines Penthauses, des Lebens auf den Dächern jenseits von TÜV und polizeilichen Normen – bleiben künstlerische Mittel.
Und so verstehe ich den fortwährenden Aufenthalt in/auf der Grenze, das „Bespielen von Grenzen“ als eine Synthetisierung von einer Irrationalität des Wohnungsmarktes, einer Ekstase sich selbst feiernder reicher Konsumenten und einer vernünftigen Formulierung allgemeiner Ziele bzw. Zwecke, abgestimmt mit künstlerischen Mitteln. Dies ist auf jeden Fall keine Postmoderne.

References

  1. Klaus Walter: Der Sieg der puren Vernunft und seine Folgen. Fortschrittlicher Pop tut sich schwer mit der Coronakrise. Denn rebellische Gesten sind heute von rechts okkupiert. Versuch einer Einordnung., taz, vom 26. 6. 2020.
  2. Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen, Song auf dem gleichnamigen Studioalbung, 2005.
  3. Klaus Walter: Der Sieg der puren Vernunft und seine Folgen, taz vom 26.6. 2020.
  4. Bei Walter sind es die Rechten, die sich linke Strategien angeeignet haben. „Die disruptiven Energien von Rock’n’Roll-Exzess und Techno-Ekstase repräsentieren heute Typen wie Lutz Bachmann von Pegida, Fünf-Sterne-Clown Beppe Grillo und Hans-Christian „Ibiza“ Strache.“, ebd.
  5. Ich nehme hier Bezug auf Andreas Rechwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, Berlin 2019.

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