Gegen/Wohnen. Parasitäre Strategien gegen das Zuhause als Schliessung – Der Parasit als Kritik

Gegen/Wohnen. Parasitäre Strategien gegen das Zuhause als Schliessung – Der Parasit als Kritik

Wenn wir mit dem Verhältnis von Parasit und Organismus ansetzen, erscheint der Parasit als eine kritische Lebensform. Der Parasit bildet eine Form sekundären Lebens – sekundär insofern es sich an ein anderes, ein primäres, sich selbstständig reproduzierendes Leben koppelt und von diesem lebt. Wenn der Parasit die Grenzen des Organismus durchdringt und sich an dessen vermeintliche Selbstständigkeit klammert, stellt er die abgegrenzte und abgeschlossene Gestalt des Organismus in Frage. Das macht den Parasiten – aus der Perspektive des Organismus betrachtet – zu einem kritischen Leben, zu einer lebendigen Kritik.

Diese Kritik funktioniert in zweifacher Hinsicht. Einerseits phänomenologisch: Als Eindringling erweist er die scheinbaren Grenzen des Organismus als durchlässig, sie stellen sich als ungenügend heraus. Der Parasit kommt von außen und geht in den Organismus ein, bedroht damit dessen Selbstständigkeit. Andererseits theoretisch: Wenn der Organismus aus der Perspektive des Parasiten verstanden wird, wenn also die Präsenz und Persistenz des Parasiten den Ausgangspunkt für die Betrachtung des Organismus bildet, so zeigt sich, dass die Idee eines sich selbst erhaltenden und reproduzierenden Organismus immer schon eine Konstruktion war, die nur durch die massive Ausblendung aller bestehenden und mitlaufenden parasitären Tierchen, Keime, Viren oder Bakterien, die immer schon auf der und unter der Oberfläche des Körpers leben, bestehen konnte. In dieser zweiten Hinsicht erscheint der Parasit lediglich als Eindringling, während er im Grunde immer schon da war und – mehr noch – die Lebensfähigkeit des Organismus zuallererst ermöglicht hat. In beiderlei Hinsicht ist der Parasit für jene Strukturen, deren Bestand und Selbstverständnis auf einer Schließung beruht, bedrohlich: einerseits als Bedrohung von außen, andererseits als Entlarvung eines fiktionalen Selbstverständnisses. Und nicht zuletzt aus diesem Grund handelt es sich um eine offensichtlich angstbesetzte und aversive Figur. Der Parasit ist das Kleine, Unmerkbare, das eindringt in den scheinbar kontrollierten, selbstständigen und sauber abgegrenzten Raum und darin – ebenso unmerklich – etwas von innen zerstört und zermalmt.
Das Zuhause als Schließung

Von dieser Grundstruktur aus lässt sich die Kritik in der parasitären Überschreitung auch in kulturellen, sozialen und politischen Formen der Schließung finden. Im Zentrum soll im Folgenden eine kulturelle Formation stehen, die von Beginn an (historisch) wesentlich mit dem Organismus verbunden wurde: das Zuhause – oder in verwandten Begriffen: das Heim, die Wohnung, die Familie… Damit ist eine Lebensform beschrieben, die schließend und ausschließend funktioniert. Das Haus bildet einen scheinbar heimeligen Ort, einen Ort, der abgeschlossen ist:ww Während es draußen stürmt und schneit, draußen allerlei Böses lauert, ist es drinnen im Heim sauber und vertraut, man ist geborgen und es gibt warmes Essen… Eine Mutter streicht uns über das Haar und küsst uns auf die Wange, ein Vater nimmt uns auf die Schultern. Die Familie – die affektive Struktur, die das Zuhause trägt – bildet den Fantasieort von Liebe und der Nähe, in ihr imaginieren wir die Rückkehr in die Heimat, an den Ort der Geburt, der bergenden Wiege…

Dieses Ideal der schützenden Schließung birgt (mindestens) zwei Probleme: Zunächst enthält die hier gezeichnete Aufteilung von Innen und Außen – die ja bildhaft immer wieder auch in politischen Zusammenhängen wiederholt wird, etwa wenn es um Migration geht; häufig genug als Frage danach dargestellt, wer zu „uns“ ins Haus kommen darf – eine Ausschließung: All jenes, was nicht dem engen familiären Kreis zugeordnet wird, kommt auch nicht widerstandslos in diesen Kreis hinein. Und dieser familiäre Kreis ist traditionell über die Blutsverwandtschaft – genauer: über die direkte Vererbung – bestimmt. Auch hier gibt es offenbar Parallelen zur Nation, die ebenfalls über das Natalitätsprinzip, als geerbte Zugehörigkeit funktioniert. Die Familie bildet – der Idee nach – einen bleibenden Organismus, der sich über die Vererbung von Genen und Vermögen über Generationen selbstständig erhält. Alles, was außerhalb dieses Organismus lebt, steht ihm zunächst einmal als Bedrohung gegenüber – obwohl natürlich zugleich auch klar ist, dass die Familie zu ihrem Erhalt genau auch auf dieses Außen angewiesen ist, wie etwa das Inzestverbot verdeutlicht. Zweitens muss dann, wenn die Familie als in sich geschlossener Schutzraum bestimmt wird, jede Form der Gewalt, der Distanz oder des Bruchs, die sich innerhalb dieses durch Nähe definierten Orts abspielt, eigentlich unsichtbar bleiben. Paradigmatisch dafür steht etwa die Tatsache, dass Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland noch bis 1997 rechtlich gesehen nicht existierte, weil Sex in der Ehe (insofern eine Vereinigung aus Liebe), per definitionem einvernehmlich sei. Wenn sich der Innenraum dadurch definiert, Bedrohungen fern zu halten, so lässt sich die Bedrohung, die dieses Fernhalten produziert, nicht greifen. Die Aufteilung in Innen und Außen ist insofern sowohl für das Innere als auch für das Äußere problematisch.

Parasitäre Strategien gegen das Zuhause

So können wir uns also auch hier – wie gegenüber dem biologischen Organismus – einen kritischen Parasiten denken, der die beschriebene Struktur in Frage stellt. Und da wir uns hier eben nicht mehr im Bereich der Biologie befinden, können wir über das Obengenannte hinaus über parasitäre Strategien sprechen, d.h. über Handlungs- und Kritikformen, die auf der Grundlage einer parasitären Struktur explizit und intentional kritisch operieren. So ist hervorzuheben, dass der Parasit als Figur des Eindringens in den familiären, heimeligen Raum einen kulturellen Topos bildet, der das Bild und Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie von ihrem Beginn an begleitet. Zwei Beispiele, die in aktuellen Filmen Ausdruck finden, sollen hier herausgegriffen werden:

Die Dienstboten und Hausmädchen sind die klassischen Figuren, an denen die Angst der Familie vor ihrer parasitären Bedrohung ihren Ausdruck findet. Sie halten sich schließlich einerseits in diesem Innenraum des Hauses auf, werden sogar vom Ideal der bürgerlichen Familie produziert und von diesem benötigt, während sie andererseits nie wirklich dazugehören. Die bürgerliche Familie bringt die Figur des Hausmädchens hervor und ist dann permanent damit beschäftigt, den Unterschied des Hausmädchens zur Familie, für die sie arbeitet, zu markieren – ein Unterschied, der durch den Unterschied der Klasse und häufig auch durch Rassifizierung verstärkt wird. Zugleich ist es genau diese paradoxe Struktur (der ausschließenden Einschließung), die die Hausmädchen so bedrohlich macht – insofern sie als Fremde im Inneren ist und „droht“, das Innere zu unterwandern. Als parasitäre Unterwanderung wird diese Struktur etwa im südkoreanischen Film „Parasite“ (Bong Joon-ho, 2019) beschrieben, in dem die Hausangestellten tatsächlich zu Parasiten werden, die im Laufe des Films immer weiter die Familie unterwandern, bis dies letztlich in offene Gewalt und Zerstörung – beider: des Organismus wie der Parasiten – umschlägt. Eine andere Struktur parasitärer Unterwanderung des Zuhauses zeigt der französische Film „Lemming“ (Dominik Moll, 2006), in dem – begleitet vom Symbolbild eines Lemmings, der durch den Abfluss in die Wohnung eindringt – ein junges, scheinbar perfektes Ehepaar von einer Art Doppelgängerpaar heimgesucht wird, das als schlimmes Zerrbild ihrer scheinbar perfekt funktionierenden bürgerlichen Ehe erscheint. Dieses Zerrbild, das immer weiter in deren Heim und das Verhältnis der Eheleute eindringt, letztlich gar mit den Personen selbst verschwimmt, stürzt diese (beinahe) mit zu sich in den Abgrund.

In beiden Beispielen finden sich (analog zu oben) zwei Ebenen der Bedrohung wieder: Einerseits dringt etwas ein in den geschützten familiären Raum, während andererseits die eigentliche Bedrohung erst darin liegt, dass dieses eindringende Äußere im Grunde schon immer da war und dem Organismus selbst bereits angehört: Die Hausangestellten existieren nur für den Erhalt der bürgerlichen Familie – die unheimlichen Doppelgänger sind nur deshalb so bedrohlich, weil sie die Kehrseite des Bestehenden direkt widerspiegeln.

Gegen/Wohnen

Wenn wir also den Parasiten als kritische Intervention in einen abgeschlossenen Raum feiern wollen, dann muss diese Intervention auch für den abgeschlossenen Raum des Wohnens gelten. Das heißt auch, dass diese Struktur – eines geschlossenen und schließenden Zuhauses – im und durch den Parasiten nicht reproduziert, sondern mit in Frage gestellt werden sollte. Eine parasitäre Ästhetik des Wohnens müsste also eine Ästhetik gegen Wohnen – gegen das Wohnen im Sinne des Heims und Zuhauses – sein. Dabei dürfte sie natürlich auch nicht außer Acht lassen, dass Leben selbstverständlich räumlich ist und Räume braucht, in denen es sich verwirklichen kann, dass es also eine schlimme Gewalterfahrung ist, wohnungslos zu sein. Doch Wohnungslosigkeit wird schließlich selbst erst durch ein Verständnis des Wohnens hervorgebracht, in dem alle (d.h. die, die es sich leisten können) ihr je eigenes Zuhause haben, das sich von der Straße abgrenzt und niemanden in sich aufnimmt. So müsste es demnach um eine Ästhetik des Gegen-Wohnens gehen, durch die andere, offene und nicht-biologische Formen des Zusammen-Räumlich-Seins ermöglicht würden.

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